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Ein ewiges Auf und Ab

Ein ewiges Auf und Ab

9 Mai 2011 |  by Valentin  |  Share  | 

Wir haben Glück, dass sich in Konya die Ersatzteile bekommen lassen und so sind wir nach zwei fahrradfreien Tagen wieder auf der Straße. Als wir den Ort des Geschehens, den steilen Anstieg hinter Kayseri, erneut passieren, durchfährt uns ein ungutes Gefühl. Aber die Fahrräder halten.

Öffentliche Waschplätze in Kayseri

Die Moschee Kurşunlu Camii von innen

Immer öfter decken wir uns mit den sehr energiereichen Datteln ein, die eine hervorragende Zwischenmahlzeit darstellen

Nur wenige Kilometer später sehen wir alte Autos, die an einer Rallye teilnehmen. Bei der nächsten Tankstelle, wo wir unsere Frühstückspause einlegen, treffen wir auf ein paar weitere Teilnehmer. Es handelt sich um die „Allgäu-Orient-Rallye“. Ziel ist Jordanien und eigentlich war geplant nach der Türkei durch Syrien zu fahren, aber die dortigen Zustände haben die Organisatoren dazu bewegt den Schiffsweg zu nehmen.
Die Fahrer sind erst seit knapp einer Woche unterwegs, bei einer Strecke, für die wir das Fünffache an Zeit benötigten, aber sicher ein ebensoviel Mehr an Eindrücken sammelten.
Die Begegnung erinnert mich an meine Tour mit einem alten Mercedes von Frankfurt nach Senegal/Gambia in Westafrika vor zwei Jahren und ich freue mich die Möglichkeit zu haben nach und nach unterschiedliche Reisemethoden ausprobieren zu können.

Das Team Wüstenteufel der Allgäu-Orient-Rallye. Gute Fahrt!

Der weitere Tag ist nasskalt-beschwerlich, anstiegreich und, natürlich, mit reichlich Wind von vorne gesegnet. Die Straße schlängelt sich höher und höher und als es anfängt zu dämmern, zeigt der Höhenmesser bereits fast 1900m. Es ist kalt und ich packe zum ersten Mal seit Wochen wieder die dicken Handschuhe aus. Wohin das Auge blickt, findet man nur karge Landschaft mit vereinzelten Schneehäufchen. Die nächste Siedlung ist eine halbe Tagesetappe entfernt. Wir überlegen wo wir unsere Zelte aufstellen können, aber ganz wohl ist uns bei Temperaturen um den Nullpunkt und dem fehlenden Schutz vor ungewollten Blicken von der Straße nicht.

Kurz bevor die Sonne, die von Nebelschwaden und Wolken verdeckt ist, hinter den gigantischen Bergen versinkt, taucht ein einfaches Gebäude mit Flachdach neben der Straße auf. Wir machen auf uns aufmerksam und bitten um einen Zeltplatz auf dem Grundstück, aber der Besitzer bittet uns stattdessen herein und deutet auf ein Zimmer mit drei Doppel-Hochbetten im gut geheizten Haus. Was ein Glück. Ich erinnere mich an meine Maxime: „irgendwas geht immer!“.
Der Abend geht mit zahlreichen Gläsern Tee und Kommunikation, die aus Pantomimen, Zettel, Stift und einzelnen Türkischbrocken besteht, glücklich zuende. Dabei stellt sich heraus, dass wir in einer Servicestation für LKW gelandet sind, da die nächsten Städte viele Kilometer entfernt sind und die Höhe anfällig macht für Pannen. Der Besitzer lungert also gemütlich vor dem Fernseher und wartet auf Notrufe per Handy, die aber in dieser Jahreszeit recht selten sind. Also lungert er nur. Und trinkt Tee.

Die rettende Bleibe für die Nacht

Eine offensichtlich nicht ganz durchgegarte Zutat unserer Hühnchen-Kebaps am Vortag bereitet uns niedrig-viskose, ziemlich menschliche Probleme. Also sind wir nicht ganz so zügig unterwegs, aber trotzdem ist es ein wahrer Segen durch die zerklüftete Landschaft mit Canyons und spektakulären Ausblicken zu fahren. Am Himmel ist keine Wolke zu sehen, es ist T-Shirt-Wetter! Beeindruckend, wie an einem Tag Winterkleidung angesagt ist und am Nächsten möchte man glatt in den erstbesten See springen.

Wir befinden uns hier bereits in Südostanatolien, der Heimat von etwa acht Millionen Kurden. Ich bin neugierig, ob man im Alltag etwas von der Spannung zwischen Türken und „Bergtürken“ (wie die türkische Regierung die Kurden bezeichnet) merkt und wie es uns bei den hier wohl öfters anzutreffenden Polizeikontrollen ergeht.
Die Kurden, die einst einfach nur auf der Suche nach ihrer eigenen Identität, auch in Hinblick auf Fernsehsender, Zeitungen und Schulunterricht in ihrer eigenen Sprache waren, werden in der jüngsten Entwicklung, leider nicht zuletzt auch durch die blutigen Aktivitäten der PKK in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten, zunehmend anerkannt. Bleibt zu hoffen, dass diese Entwicklung auch ohne militärische Unterstützung so weiter gehen kann.

Als ich diese Zeilen schrieb, ahnte ich noch nicht, dass der Tag noch ziemlich heftig wird. Thomas ist ziemlich fertig ob des Hühnchens und am Mittag legen wir eine lange Pause an einem Bach zur Erholung ein. Nach dem Aufbruch schlängelt sich der Weg zahlreiche Kilometer bergauf, eine vielbefahrene Strecke mit 7-10% Steigung, die teilweise nur geschottert ist. Auch ich fühle mich nun etwas schlechter, vielleicht eine Kombination aus Essensmangel, Streckenprofil und Hühnchenkebap. Wir müssen zahlreiche Pausen einlegen und am Gipfel auf 1900 Metern angekommen bin ich fix und fertig und denke mir, dass ich noch nie in meinem Leben so ausgelaugt war. Die Sonne brennt schier unaufhörlich von oben und überholende Lastwagen vernebeln Sicht und Atemwege auf der sandigen Straße.
Zum Glück geht es nun bergab und wir finden rasch einen Platz für unsere Zelte bei einem Haus, dessen Besitzerin Englischlehrerin ist. Endlich mal einfache Kommunikation! Eine halbe Stunde später sind wir bereits tief und fest am Schlafen, obwohl es draußen noch hell ist. Der Körper braucht Erholung.

Der Berg des Todes. Das 10 km entfernte Tal, von wo aus der Anstieg beginnt, ist schon lange nicht mehr zu sehen.

Am nächsten Tag fühlt sich Thomas noch immer nicht ganz fit, daher fahren wir nur eine halbe Tagesetappe und pausieren in Malatya, von wo es dann morgen hoffentlich in alter Frische weiter gehen kann.

Man sieht, alles wieder gut. Malatya ist übrigens die Türkische Hauptstadt der Aprikosen. 95% der in Europa verfügbaren getrockneten Aprikosen kommen hier her. Und ich genieße sie!


7 Comments


  1. Welch ein Glück, das am Ende des Hügels eine Nachtunterkunft auftauchte!

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